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Einleitung

Die bisherige Hackerethik, so wie sie speziell vom CCC vertreten und propagiert wird, ist jetzt mittlerweile gut 30 Jahre alt und es stellt sich daher die Frage, ob sie noch den heutigen Auffassungen sowohl von Hacken / Hacktivismus als auch von richtig / falsch (im Sinne einer Ethik) entspricht.

Natürlich ist die Hackerethik keine Ethik im klassisch-akademischen philosophischen Sinn; es geht hier nicht um die Begründbarkeit moralischem Handelns, sondern vielmehr um eine Formulierung der Grund- und Leitsätze, wie wir als Hacker uns die Welt wünschen und selbst darin handeln wollen.

Die bisherige Hackerethik

  1. Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.
  2. Alle Informationen müssen frei sein.
  3. Mißtraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung.
  4. Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.
  5. Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
  6. Computer können dein Leben zum Besseren verändern.
  7. Mülle nicht in den Daten anderer Leute.
  8. Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Die ersten sechs Punkte stammen aus dem Buch "Hackers - Heros Of The Computer Revolution" von Steven Levy aus dem Jahr 1984 (Wikipedia). Sie sind keine "Zitate" oder Äusserungen von Hackern, sondern drücken das Verständnis des Autors aus (der ja selber kein Hacker ist), was Hacker "denken". Damit sind speziell die Punkte 5 und 6 dem besonderen Umfeld und persönlichen Lebenswegen von Hackern geschuldet, denen Levy begegnet ist und die er im Buch beschreibt.

Die letzten beiden Punkte der bisherigen Hackerethik sind eine Ergänzung von Wau Holland und Steffen Werbery gegen Ende der 80'er Jahre. Punkt 7 drückt dabei den Verhaltenskodex aus, den jeder Datenreisende bei seinen Besuchen in fremden Rechner gelten lassen sollte. Der Punkt 8 hat sich zum wesentlichsten Leitsatz für den CCC entwickelt und beschreibt in verkürzter Form die Forderungen nach Informationsfreiheit ("öffentliche daten nützen") als auch informationeller Selbstbestimmung ("private Daten schützen").

Entwurf einer Hackerethik 2.0

Eine Hackerethik 2.0 sollte den Spirit der bisherigen Punkte beibehalten, sie aber in einen neuen Kontext stellen und fehlende, wichtige Punkte (wie Kommunikationsfreiheit) aufnehmen. Als einziger Punkt der bisherigen Hackerethik findet Punkt 6 sich in der Hackerethik 2.0 nicht wieder.

Als Vorschlag für eine Neugliederung sieht dieser Entwurf eine Unterteilung in fünf Themenschwerpunkte vor, die jeweils durch Unterpunkte näher beschreiben werden:

1. Freiheit der Information
1.1. Der Zugang zu Technologie und allen Informationen, die einem zeigen können, wie diese Welt funktioniert, muss vollständig, unbegrenzt und verständlich für alle sein.
1.2. Alle Menschen sind gleichermassen die Besitzenden des Wissens der Welt und niemand kann Eigentum daran beanspruchen.
1.3. Alle Informationen, die durch die Gemeinschaft entstehen, die Gemeinschaft betreffen oder von ihr finanziert werden, müssen auch öffentlich für alle zugänglich sein.
2. Freiheit der Kommunikation
2.1. Die Kommunikation zwischen Individuen und/oder Maschinen muss frei und ungehindert sein.
2.2. Die Vertraulichkeit der Kommunikation ist unverletzlich.
2.3. Niemand kann zur Kommunikation verpflichtet werden.
3. Informationelle Selbstbestimmung
3.1. Persönliche Daten gehören nur dem betroffenen Individuum. Dieses allein bestimmt, was damit geschieht.
3.2. Kommunikation und Zugang zu Informationen muss anonym erfolgen können.
3.3. Persönliche Daten müssen "vergessen" werden können.
4. Verantwortliches Handeln
4.1. Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung
4.2. Respektiere die Informationsrechte anderer wie deine eigenen. Hilf jenen, die diese Rechte nicht alleine wahrnehmen können. Unterstütze jene, die diese Rechte verteidigen.
4.3. Beurteile ein Individuum nach seinen Handlungen und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.
4.4. Beurteile deine Arbeit und die anderer nach ihrem Nutzen für die Gesellschaft.
4.5. Entwickle nichts unter dem Vorsatz oder dem Bewusstsein, einem Individuum zu schaden. Erkenne einen möglichen Missbrauch.
4.6. Veräussere deine Fähigkeiten nicht an jene, die diese Regeln brechen. Stecke deine Energie in Projekte, die der Gesellschaft nützen.
4.7. Du kannst mit Technologie neue Programme, Informationen und Gegenstände schaffen. Teile deine Werke mit anderen im Sinne der "Free and Open-Source Software".
4.8. Du kannst mit Technologie Kunst und Schönheit schaffen. Teile deine Werke mit anderen im Sinne des "Creative Commons".
4.9. Teile Dein Wissen mit jedem Individuum - speziell mit Kindern und Jugendlichen in der (Aus-)Bildung.
4.10. Entwickele deine Technologie, so dass sie ressourcensparend, robust, reparabel, interoperabel, wiederverwendbar, elegant und leicht modifizierbar ist.

Mitarbeit

An dieser Neu-Fassung der Hackerethik haben mitgearbytet:

  • Bernd
  • Twiddlebit
  • Hernani
  • Peponi
  • Frau Blauwal
  • Steffen
  • Nuschin
  • Simon

Bei Fragen, Anmerkungen oder Ergänzungen: bernd@wauland.de.


Anmerkungen

[1] bis [3] Die Abschnitte 1 bis 3 sind die drei Grundpfeiler der Arbeit des CCC seit 1981. Sie beschreiben die "Leitplanken", an denen sich das Weltbild der Hackern orientiert.

[1] Die Punkte 2 und 8a der bisherigen Hackerethik werden zusammengeführt und zum Themenschwerpunkt.

[1.1] Dies ist der leicht modifizierte Punkt 1 der bisherigen Hackerethik.

[1.2] Dieser Punkt stellt klar, dass Wissen als Allmende (gemeinschaftliches Eigentum) verstanden werden muss, auf das niemand exklusive Ansprüche erheben kann - auch nicht durch Rechtskonstruktionen wie Patente.

[1.3] Neben Wissen (im Sinne objektiver Welterklärung) müssen auch die anderer Informationen uneingeschränkt öffentlich zugänglich sein, soweit sie durch gesellschaftliche Teilnahme entstehen oder gesellschaftlichen Bezug haben.

[2, 2.1] Dieser Punkt fehlte in der bisherigen Hackerethik vollständig. Speziell für Wau Holland und den frühen CCC ist dies aber von zentraler Bedeutung, was sich ja auch in der Vereinssatzung des CCC e.V. ausdrückt.

[2.2] Dies umfasst sowohl rechtliche Rahmenbedingungen als auch private Massnahmen wie Verschlüsselungen, um dieses Recht wahrzunehmen.

[3] Der Punkt 8b der bisherigen Hackerethik wird eigener Themenschwerpunkt

[3.3] Hier geht es nicht um das "digitalen Radiergummi" oder die technische Umsetzung des "Vergessens", sondern einfach nur darum, dass eine Gesellschaft, die nicht vergisst, auch nicht verzeihen kann. "Vergessen" erfüllt also eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

[4] Es folgen die "10 Gebote" für Hacker (im Sinne der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gebot_%28Ethik%29)

[4.1] Dieser Punkt ist der ungeänderte Punkt 3 der bisherigen Hackerethik

[4.2] Informationsrechte an dieser Stelle beziehen sich auf die Abschnitte 1 bis 3.

[4.3] Dieser Punkt ist der leicht veränderte Punkt 4 der bisherigen Hackerethik

[4.7], [4.8] Diese Punkte beziehen sich auf Punkt 5 der bsherigen Hackerethik und erweitern ihre Bedeutung im Sinne des "Teilens"

WHS

 

Über uns

Wir sind eine Stiftung im Umfeld des Chaos Computer Clubs, die vom Vater und engen Freunden des verstorbenen Datenphilosophen Wau Holland gegründet wurde. Unser Wunsch ist es, die freidenkerischen Ansätze Wau Hollands zu bewahren und weiterzuführen.

 

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